Wissenschaft in China und Deutschland
- über die Kooperation zwischen der CASS in Peking und den Wirtschaftswissenschaften an der Universität Freiburg -
PD Dr. Harald Nitsch
Reiseberichte beziehen sich gewöhnlich auf ferne unbekannte Länder. Eigentlich sollte eine Reise nach Peking nicht mehr automatisch in diese Kategorie fallen. Schließlich hat die Volksrepublik China es innerhalb einer Generation geschafft, sich von einem geschlossenen und überwiegend agrarischen Schwellenland zur Welt-Konjunkturlokomotive zu entwickeln. Das Land ist Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) und Ausrichter der nächsten Olympischen Spiele. Deutsche Unternehmen investieren im großen Maßstab in China, zahlreiche chinesische Studenten sind an deutschen Universitäten eingeschrieben.
Und doch steht der persönliche und akademische Austausch erst am Anfang, die rasend schnell begonnene Einbindung Chinas in die Weltwirtschaft zu begleiten. Wir, eine Gruppe von Hochschullehrern der Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg, sahen daher eine wichtige Chance in einer Einladung der Chinese Academy of Social Sciences (CASS) zu einem wissenschaftlichen Austausch in Peking. Die folgenden Eindrücke sammelte ich als Mitglied der Freiburger Delegation im Rahmen meiner ersten Chinareise im Frühjahr 2005.
Im Flughafen Peking nahm uns Frau Sun im Namen der CASS in Empfang. Begleitet wurde sie von Professor Sheng aus Macao, einem alten Freund aus seiner Zeit als Doktorand am Institut für Finanzwissenschaft und monetäre Ökonomie der Universität Freiburg. Herr Professor Francke, Frau Francke und ich waren als erste Gruppe vorausgereist, die Professoren Hauser und Rehkugler folgten aus Termingründen zwei Tage später. Der hochmoderne Flughafen mit chinesisch-englischer Ausschilderung war zwar geeignet, den ersten „Kulturschock“ abzufedern, aber trotzdem waren wir froh, in einem Kleinbus der CASS abgeholt und zum Hotel begleitet zu werden. Taxifahrer sprechen nicht notwendigerweise englisch, so dass eine gängige Empfehlung lautet, die Adresse des Hotels in chinesischen Schriftzeichen mit sich zu führen. Vom Flughafen ist das Zentrum Pekings in etwa einer Dreiviertelstunde über eine sehr gut ausgebaute Autobahn zu erreichen. Die Anfahrt gibt einen ersten Eindruck von den gigantischen Dimensionen der Stadt, denn sehr schnell erreicht die Dichte und Höhe der Häuser ein Ausmaß, dass man erwartet, bald im Zentrum angekommen zu sein – ein Gefühl, das aber eine weitere halbe Stunde der Autofahrt anhält. Auffällig sind die vielen Baustellen und das offensichtlich geringe Alter der Gebäude. Der Wirtschaftsboom wird begleitet von einem Immobilienboom, und die immensen Investitionen werden aus einer Sparquote finanziert, die auf etwa 50 Prozent des Sozialproduktes geschätzt wird.
Die Chinese Academy of Social Sciences
Das Hotel lag sehr zentral, etwa fünf Autominuten vom Parlament, dem Platz des himmlischen Friedens und dem Kaiserpalast entfernt. CASS befindet sich in der unmittelbaren Nachbarschaft, wobei die zentrale Lage der CASS ihr hohes Ansehen und ihre Nähe zum politischen Entscheidungsprozess widerspiegelt.
Die Institution besteht seit 1977, hat etwa 3.700 Mitarbeiter und deckt eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Forschungsfelder ab. Zwischen Hotel und CASS, die etwa zwei Häuserblocks auseinander liegen, bewegt man sich sinnvollerweise zu Fuß, entlang einer der Hauptstraßen der Innenstadt. Trotz der Höhe der Bebauung von etwa 10-15 Stockwerken kommt kein Gefühl von Enge oder Gedrängtheit auf, da den Grünflächen und Wegen relativ viel Platz zugestanden wurde. In Verbindung mit dem leichten Wind, der fast permanent in Peking weht, entsteht ein sehr angenehmes Klima. Auffällig ist an den Hauptstraßen eine abgeteilte Spur, die neben Autobussen vor allem von Fahrradfahrern genutzt wird. Ein diesbezügliches Klischee bewahrheitet sich dagegen nicht: Das Haupt-Fortbewegungsmittel in Pekings Zentrum ist inzwischen klar die U-Bahn, der Bus oder das Auto, wobei – in selektiver Wahrnehmung des deutschen Reisenden – relativ viele deutsche Automarken vertreten sind.
Peking und die Große Mauer
Den ersten Tag unseres Aufenthaltes nutzten wir, um unser Jet-Lag bei einem von CASS organisierten Besuch der Chinesischen Mauer zu verarbeiten. Das Bauwerk ist nur etwa eine Autostunde von Peking entfernt, da Peking als die „nördliche“ Hauptstadt (das Bei in Beijing steht für Nord) nahe an der Grenze liegt, die einst von der Mauer geschützt wurde. Der Abschnitt der Mauer, den wir besichtigten, liegt in einem leichten Mittelgebirge und zieht sich auf dessen Gebirgskamm entlang. Die Mauer bildet einen spektakulären Anblick, wie sie sich bis zum Horizont dahinschlängelt, und man sieht ungefähr 20 Kilometer weit.
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