Auf dem Weg zur Weltmacht
– Anmerkungen zum ökonomischen Reformprozess in China –
Deng Xiaoping leitete den Reformprozess ein, der die Entwicklung Chinas beschleunigte. Chinas ökonomischer Wachstum ist im Westen mit Skepsis und Unwissenheit beobachtet worden. Dieser Artikel führt in Chinas Besonderheiten ein und zeigt die neue Rolle Chinas auf.
Auferstehung aus der Katastrophe
Vor 40 Jahren, am 16. Mai 1966, rief der „Große Vorsitzende“ Mao Tse-tung China zur Kulturrevolution auf. Damit löste er eine der schrecklichsten Katastrophen aus, die China in seiner fast 5000-jährigen Geschichte erleben sollte. Vor allem die jungen Chinesen, Schüler, heranwachsende Bauern und Arbeiter rebellierten gegen ältere Autoritäten, wie Parteifunktionäre, Intellektuelle und oft auch gegen die eigenen Eltern. Sie demütigten, schlugen und ermordeten die vermeintlichen „Revisionisten“. Wie viele Millionen Menschen dabei ihr Leben verloren, in Arbeitslagern auf dem Lande geschunden wurden oder einfach nur die Trauer über ihre verletzte Ehre erfuhren, wird unklar bleiben. Jedenfalls existieren bis heute keine offiziellen Zahlen darüber.

Warum war die Kulturrevolution, abgesehen von ihren zahllosen Opfern, für die Menschen im „Reich der Mitte“ so eine traumatische Erfahrung? Ich denke, weil sie sich gegen das kulturelle Herz Chinas wandte, den philosophischen und soziologischen Fixpunkt nicht nur des Selbstverständnisses der Chinesen, sondern auch des Verständnisses von uns Außenstehenden für die älteste Kulturnation der Welt. Das was China in seiner langen Geschichte über Kriege, Naturkatastrophen, politische Umstürze hinweg im Kern hat überleben lassen, nämlich die klassischen Traditionen seiner Geisteswissenschaften und des
respektvollen Zusammenhalts von Familien, sollte von den „Roten Garden“ mit der „Mao-Bibel“ in der Hand zertreten werden. Zum Glück für sich selbst und die ganze Welt haben die Chinesen diese Heimsuchung überstanden. Als Retter erwies sich ausgerechnet einer der großen Weggefährten Maos, Deng Xiaoping. 1978 leitete er den Reformprozess ein, der die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft des Landes in den folgenden Jahren so dramatisch ändern sollte, das China in seine natürliche historische Position als Weltmacht zurückgekehrt ist.
Vieles von dem, was wir heute als Kräfte der Globalisierung empfinden, seien es faszinierende Träume von Chancen oder dumpfe Bedrohungen der eigenen ökonomischen Existenz, hat mit der neuen Rolle Chinas zu tun.
China, das große Reich der Mitte
Wenn wir China ein wenig begreifen wollen, dann gilt es zunächst, sich ungewohnte Größenordnungen vorzustellen. Man schätzt, dass in China etwa 1,3 Milliarden Menschen leben. Die Landfläche beläuft sich auf 9,5 Millionen Quadratkilometer und erstreckt sich über zahlreiche Klimazonen: von den großen Wüsten der Mongolei zu den tropischen Regenwäldern im Südosten, von den kalten Ebenen der Mandschurei zu den Gipfeln des Himalaya.

In China werden über 200 verschiedene Sprachen gesprochen, so dass viele Chinesen einander nicht verstehen können, unterschiedliche ethnische Gruppen mischen sich zu bunten Bildern äußerlicher Gestalt. Chinesische Städte sind – insbesondere aus der Sicht von uns Europäern – von gewaltigen Menschenmassen besiedelt. Allein Peking hat rund 14 Millionen registrierte Bewohner, zu denen noch einmal etwa vier Millionen nicht registrierte Wanderarbeiter hinzugerechnet werden müssen. Aber schon gut 100 Kilometer weiter, zum Beispiel nach Südwesten am Meer, liegt Tianjing. Dort leben ebenfalls über 10 Millionen Einwohner. Aber nicht nur bekannte Megasiedlungen wie Shanghai, Hongkong und Kanton, die jeweils Millionen von Einwohnern beherbergen, sondern auch bei uns weniger geläufige Stadtzentren, wie zum Beispiel Chongqing im Landesinneren, sind nach unseren Maßstäben unvorstellbar groß.

So begrüßte mich ein Taxifahrer in Chongqing auf dem Flugplatz: „Wissen Sie, dass Sie gerade in der größten Stadt der Welt gelandet sind?“ Als ich mein Erstaunen äußerte, sagte er: „Chongqing hat 30 Millionen Einwohner, allerdings mit Eingemeindungen“. Bemerkenswert war der Stolz des Mannes. Ich musste jedenfalls lernen, dass auch solche Städte, die in den Augen der Chinesen klein sind, meist Millionengemeinden sind. Und davon gibt es immer mehr. Um noch einmal das verbreitete europäische Verständnis zu verbessern, sollte man China einfach als das „Reich der Mitte“ begreifen, das aus zahlreichen Provinzen besteht, von denen jede mindestens die Dimension europäischer Staaten hat.

Diese kurzen Hinweise auf die schiere Größe Chinas sind wichtig, wenn man den Reformprozess dort verstehen will.
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